Vorurteile… oder: nicht jeder braucht einen Porsche

Mein Frühstückszimmer hat Blick auf die Straße.
Ich sitze ungestyled, mit unsäglichem Outfit mit der ersten Tasse Kaffee am Tisch.
Draußen sind die Herren von der Müllabfuhr bereits aktiv.
Großes oranges Auto, Männer in orange.

Vielen Porschefahrern wird unterstellt, sie bräuchten den Wagen als Prothese für was auch immer.
Sie seien reich und gerne snobby.
Der Porsche als perfekte Ergänzung zur  gelungenen Selbstinszenierung.

Am Frühstückstisch habe ich eine Erscheinung.
Einer der Müllwerker sieht genau aus, wie man sie sich so vorstellt, Muskelshirt unter der orangen Latzbuchse.
Aber sein Kollege!

Er trug weißes T-shirt und schwarze V-Auschnitt-Strickjacke, aus der nur unten die orange Hose raussah. So kombiniert, sah es sogar flott aus.
Scharf gescheitelt, gut geschnittene Frisur, die Haare lagen.
Meine Tasse bleibt auf dem Weg zum Mund beeindruckt in der Luft hängen.

Mit minimaler Outfitveränderung hätte er den Charmeur in jeder Hollywood-Produktion geben können.
Manche habens einfach drauf, mit der Erscheinung.
Der Rest der Menschheit braucht dann eben den Porsche, damit dessen Schönheit etwas abstrahlt.

Und bei wieder anderen ist der Porsche das einzig Schöne.
Schuldbewusst vereinbare ich einen Termin beim Frisör und mahne mich zur Sorgfalt beim Styling.
Andererseits, jeder Jeck ist anders.
Aber dieser Müllmann…!

The great escape

Porsche ist Opium für die Frau.

Als Eskapismus bezeichnet man eine Haltung der Realität zu entfliehen. Dies ist laut Lehrbuch unter anderem durch Hinwendung zu Substanzdrogen möglich.

Meine Droge ist das Porschefahren, bevorzugt mit Musik. Kurz unterbrochen von Phasen, in denen ich nur der Musik meines Motors lausche.

In letzter Zeit esse ich oft komische Dinge, weil sie noch im Haus sind. Ans Einkaufen denke ich nicht mehr.

Dates? Nein, keinen Nerv, lieber noch etwas Spaß mit der schwarzen Schönheit. No man, no cry.

Die Buchführung? Der Haushalt? Die Gartenarbeit?

Welche Frage das Leben auch stellt, im Moment lautet die Antwort „Lieber `ne kleine Tour!“

Völlig verblüfft stellt dann die Opiumabhängige fest, dass tatsächlich der Kühlschrank bis auf Senf und Marmelade völlig leer ist. Und es halb neun am Samstagabend ist.

Egal, Frau kann auch auswärts essen gehen. Da Kurzstrecken gar nicht gut sind für den Sportwagen, darf es auch ruhig ein Dinner etwas weiter entfernt sein.

Zeit im Porsche bedeutet Zeit im faradayschen Käfig des Eskapismus.