43

So.
Jetzt bin ich 43.
Nicht alles hat sich verändert, ich tue noch immer dieselben Dinge, wie im letzten Lebensjahr.
Zum Beispiel fotografiere ich Lebensmittel an der Nordschleife.
Hm, das klingt etwas freak-mäßig…
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Herbstlaub? Nein. Chips.
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Voll eklig. Wurstzipfel auf FIA-Zaun. Würg.

Gut, jetzt hält mich die verehrte Leserschaft für durchgeknallt.
Fährt die Irre an ihrem Geburtstag an die Nordschleife und fotografiert Essensreste.
Nein, nicht nur.
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Zugvögel weit oben am Himmel in sich stets ändernder Formation und mit lautem Rufen zogen gen Süden. Kein Wunder, die aktuelle Temperatur lag bei 3 Grad…
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Die zwei Engländer am Adenauer Forst haben-very British- mit heißem Tee in der Thermosflasche vorgesorgt.
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Wollis Platz am Zaun hingegen blieb frei, dem war es wohl zu kalt.
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Spätherbst in der Hocheifel.
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Vor der Märchenkulisse der Nürburg…
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… nutzen einige die nasse Fahrbahn zum Driften. Einmal ließen sogar zwei BMW-Fahrer ihre Autos schön im Parallelschwung durch den Adenauer Forst rutschen. Sehr hübsch, leider nicht im Bild…
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Düstere, dennoch passende Botschaft im Sockel einer Skulptur im Wald nahe des Adenauer Forstes.
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Für Willi, Pilze statt Z4 🙂
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Dieses Jahr sind die Schlehen unheimlich groß und saftig.
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Skandal! Die katholische Eifel entheiligt den Tag des Herren! Rewe in Adenau hat geöffnet.
Am Sonntag!!!
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Sodom und Gomorra. Sankt Nikolaus und gefärbte Ostereier an einem Tag im Angebot.
Unglaubliche Zustände.
Der nächste Skandal nach Tebartz van Elst.

Erschüttert steige ich in den Wagen und fliehe ins Rheinland, um den Rest meines Geburtstages in bibeltreuerer Umgebung zu verbringen.
Am 7. Tage sollst Du ruhn…

Driften. Er will driften!

Samstagmorgen. Ich liege noch im Bett und die Welt ist in Ordnung.

Mein Bruder im Geiste und Mitporschebesitzer schickt seinen Morgengruß aus dem Süden und verkündet, er wolle heute driften gehen. Er macht dauernd irgenwelche gefährlichen Sachen und rast mit irrem Tempo durch die Gegend.

Auf einmal bin ich wach, sehr wach.

Doch wohl nicht mit dem Porsche!
Ich kenne kaum einen Menschen, der so pingellig mit seinem Auto ist. Er poliert und bezieht ihn mit Steinschlagfolien und was nicht alles.

Doch, klar mit dem Porsche.
Und dann kommt, was kommen musste.
Das unglaubwürdigste Argument der Welt.
Ich habe es bisher immer nur aus dem Mund von Männern gehört: man müsse doch sein Auto im Grenzbereich kennen, damit man es in Gefahrensituationen beherrschen kann.

Bullshit.
Damit man im Stress einer Gefahrensituation wirklich die richtige Reaktion zeigt, müsste man so viel Grenzbereichssituationen üben, und zwar laufend, dass man seine Berufstätigkeit an den Nagel hängen könnte.
Es irgendwann mal an einem Wochenende zu tun, und sich dabei wild und lebendig zu fühlen, reicht schlicht nicht aus.
Denn die Gefahr kommt ja nicht unmittelbar danach. Sondern hoffentlich nie oder erst viel später.

Und überhaupt das Wort „Grenzbereich“!
Da kriegen die Jungs schon leuchtende Augen. Grenzbereich ist cool, da ist man ein echter Kerl!
Ich will da gar nicht hin.
Mein Porsche und mein Leben sind mir lieb und teuer und meine Coolness beweise ich weder mir, noch der Welt  im Auto.

Ich besitze einen Motorradführerschein, und um diesen zu erwerben, übt man Bremsmannöver immer arg nah am Blockieren der Bremsen. Beim Motorrad macht es Sinn, dort liegt die maximale Bremskraft kurz vor dem Punkt, an dem die Bremse blockiert. Und man kommt im Alltag diesem Punkt oft auch nahe.
Das ist beim Porsche aber anders.

Was ist also los mit all den Männern, die auf beregneten Plätzen ihre Autos schnell im Kreis bewegen, oder versuchen möglichst flott um Plastikpinöppel zu kurven?
Ist deren Porschefahrerleben wirklich so viel riskanter als meins?

Natürlich nicht.

Sicher macht es Spaß, seine Fahrtechnik zu schulen. Und es macht stolz, sein Fahrzeug gut zu beherrschen. Aber dabei geht es um etwas völlig anderes als um die Vorbereitung auf den echten Straßenverkehr.

Diese Herren sind „sensation seeker“. So werden Menschen in der Psychologie bezeichnet, die immer nach neuen Reizen suchen. Und zu 70% ist dieser Persönlichkeitszug angeboren.
Sensation seeker suchen körperlich riskante Aktivitäten, mögen einen unkonventionellen Lebensstil, streben nach sozialen Stimulationen und sind anfällig für Langeweile.

Nicht überraschend, dass mein geliebter Seelenbruder auf seinem Whatsapp-Profilfoto gerade mit einer Crossmaschine durch die Luft fliegt.

Ganz fremd ist mir ein solches Persönlichkeitsprofil nicht, aber meine Ängstlichkeit schiebt einen dicken Riegel vor körperlich riskante Aktivitäten.

Da mein mir manchmal so fremder Bruder im Geiste sich durch all meine Einwände nicht davon abbringen lässt, verbleiben wir so, dass er sich meldet, wenn er mit dem Driften fertig ist, so dass ich aufhören kann, mir Sorgen zu machen.

Wie das seine Frau aushält, ist mir absolut schleierhaft. Klar, sie kennt ihn nicht anders und hat ihn so geheiratet, aber mich würde ein so wilder Mann in den Wahnsinn treiben.

Jetzt pass verdammt nochmal auf Dich und den Porsche auf, Bruder!